Pressespiegel 26-11-26 OZ NDR Kultur Foyerkonzert on tour vision string quartett


Frischer Umgang mit der Klassik

Gerade ist dem Kornspeicher
Landsdorf, gelegen in einer Gutsanlage
im Winkel zwischen Tribsees
und Bad Sülze, der Spielstättenpreis
2015 der FestspieleMVzugesprochen
worden. Da wurde die
neue Würde sogleich musikalisch
geschmückt: mit einem „Foyerkonzert
on tour“ von NDR Kultur und
den Festspielen. Im animierten
Wechsel von Musik und lockerem
Gespräch, organisiert von Moderator
Ludwig Hartmann, präsentierte
sich das Berliner vision string quartet,
eines der verheißungsvollsten
unter denganz jungen Streichquartetten.
Die Geiger Jakob Encke
(20) und Daniel Stoll (23), der Bratscher
Sander Stuart (23) spielen im
Stehen und gemeinsam mit ihrem
Cellisten Leonard Disselhorst (24)
alles ohne Noten auswendig: Ausdruck
ihrer technischen Souveränität
wie ihres unkonventionellen
und erfrischenden Umgangs mit
der würdevollen Klassik.
Damit haben sie eine eigenständige
originäre Musizierweise entwickelt,
kraftvoll und energisch,
auch von äußerster Zartheit, unbekümmert
und unerschrocken, aber
nie leichtfertig, mit einem Klangbild,
indemes ihnen nicht auf schönende
Verschmelzungen, sondern
auf die stete Transparenz aller Stimmen
(auch wenn sie im Gespräch
die Nebenstimmen für nicht so erheblich
erklärten) ankommt.
Dies bewiesen sie hier mit einem
furiosen ersten Satz aus Mendelssohns
letztem Streichquartett
(1847), ohne romantische Verschattungen,
sondern als ein empörtes
Aufbegehren. Dann mit den „Fünf
Stücken für Streichquartett“ (1923)
des jüdischen Deutsch-Böhmen Erwin
Schulhoff, der, von den Nazis
verfolgt, 1942 in einem Lager umkam;
die Tanzcharaktere parodistisch
angespitzt, frisch und frech
mit herben Klängen gespielt. Folgen
ließen sie ein eigenes wirkungsvolles
Arrangement des
Schubert-Liedes „Der Erlkönig“.
Den interpretatorischen Ritterschlag
aber erwarben sie sich mit
dem leid- und schmerzerfüllten
Streichquartett Nr. 8 c-Moll op. 110
(1960) von Dmitri Schostakowitsch,
mit schroffen Gegensätzen in nahezu
jugendlicher Unbedingtheit des
Ausdrucks.
Da darf man, nach ihrem ersten
Festspiel-Gastspiel diesen Sommer,
auf ihre fünf Auftritte beimFestival
im kommenden gespannt sein.

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04.12.2015