Pressespiegel 26-11-26 OZ NDR Kultur Foyerkonzert on tour vision string quartett


Junge Streicher verzauberten Landsdorf

Das Berliner „vision string quartet“ spielt komplett ohne Noten
und kommt derweilen wie eine Rockband daher

Von Reinhard Amler
Landsdorf. „Die haben ohne Noten
gespielt. Für mich war das der
Wahnsinn“, zeigte sich Doris Müller
aus Landsdorf nach dem Konzert
des „vision string quartets“am
Dienstagabend im Kornspeicher
schwer beeindruckt.„Unddannsahen
die vier ja auch alle sehr nett
aus“, freute sie sich. Aber nicht nur
ihr ging es so. Gisela Genzmann
aus Zarrendorf ergänzte: „Ich bin
ohne Erwartungen hierher gekommen
und nun total ergriffen.“
Die Karten für dieses exklusive
Konzert, das der NDR Kultur zusammenmit
denFestspielenMecklenburg-
Vorpommern erstmals in
Landsdorf veranstaltet hatte, gab
es nirgends zu kaufen, sondern nur
zu gewinnen. Auch die OSTSEE-
ZEITUNG hatte zwanzig Tickets
verlost. Einer der Glückspilze,
die eines ergattert hatten, war
der Landsdorfer Hartmut Müller,
der mit seiner Frau Doris gekommen
war. „Obwohl es ein ernstes
Konzert war, wurde es durch die
Moderation sehr unterhaltsam“, urteilte
er. Hartmut Müller hat eine
ganz besondere Beziehung zumalten
Gutshausunddessen Nebenanlagen.
„Ich habe seit 64 Jahren nur
eine einzige Meldeadresse“, erklärte
er. „Und die heißt Landsdorf.“
Deshalb kennt er die Anlage noch
von früher ausdemEffeffundkonnte
bei deren Sanierung viele wertvolle
Hinweise geben. Umso mehr
freute er sich, nun beim Konzert
mit den jungen Musikern im erst
imSommerwiedereröffneten Kornspeicher
dabei zu sein.
Und diese vier jungen Männer
mischten das altehrwürdige Gemäuer
regelrecht auf. Denn sie kamen
nicht wie ein gewöhnliches
Streichquartett daher, sondern
eher wie eine Rockband, bloß mit
klassischen Instrumenten. Voller
Schwung, auch mit ein bisschen
Show, boten sie eine breites musikalisches
Spektrum an.
Das Programm begannen sie mit
einem fetzigen Mendelssohn-Bartholdy.
Es folgte eine Eigenbearbeitung
von Franz Schuberts „Erlkönig“.
Zum Abschluss gab es einen
nachdenklichen und sehr berührenden
Schostakowitsch mit dessen
achtem Streichquartett. Zwischendurch
erinnerten sie auch an
Erwin Schulhoff, der weniger bekannt
ist, zu seinen Lebzeiten aber
ein Star war, wie es Moderator Ludwig
Hartmann von NDRKultur formulierte.
Schulhoff starb 1942 in
Haft.
Man musste sich während des
eineinhalbstündigen Konzertes immer
mal wieder davon überzeugen,
dass auf der Bühne wirklich
Streicher standen, denn es war
ganzanders als sonst. Daslag vor allemdaran,
dass die vier jungenMusiker
wirklich ohne Notenpult auskamen.
Sie hatten ihr Repertoire
auswendig gelernt. Damit unterscheidet
sich das vision string quartet
von 99 Prozent aller übrigen
Streichquartette, die genau das
nicht tun, bemerkte der Moderator,
der launig durchs Programm führte
und dabei die jungen Männer dem
Publikum auch emotional nahe
brachte.
Frei von der Leberwegantworteten
die auf alle Fragen, die zum
Teil auch von den Besuchern kamen.
Jemand wollte wissen, ob sie
von ihren Auftritten bereits leben
können. Einen anderen interessierte,
ob die vier befreundet seien
oder eben nur so zusammen spielten.
Ja, sie seien befreundet, ansonsten
würde ihre Musik wahrscheinlich
so nicht funktionieren,
sagte Daniel Stoll, der 2. Geiger.
Undleben könnten sie mittlerweile
auch von ihrer Musik, obwohl sie
erst seit gut drei Jahren zusammen
spielten. Schaut man auf ihre Auftrittsorte,
dann steht das kleine
Landsdorf bei Tribsees nun in einer
Reihe mit Leipzig, Wiesbaden,
Mainz und Zürich. Auch bei den
FestspielenMecklenburg-Vorpommern
ist das „vision string quartet“
schon 2014 und 2015 bei Projekten
dabei gewesen. 2016 ist es ebenfalls
fest gebucht.
Bevor es sich die Besucher am
Dienstag im Kornspeicher gemütlich
machen konnten, hatte das
Ehepaar Schäfer, dem die Landsdorfer
Gutsanlage seit 2001 gehört,
noch eine Führung angeboten.
Auchdie über 40 Interessenten, die
sich daran beteiligten, hatten ihren
Spaß, denn Hausherr Gerd Schäfer
trug mit vielen lustigen Anekdoten
zur vielfachen Erheiterung bei.
e Das Konzert gibt es zum Nachhören
am 29.11. ab 18 Uhr und am 1.12. ab
21 Uhr bei NDR Kultur

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04.12.2015